Votrag: Verwaltete Kreativität am Beispiel des Writers‘ Room

Verwaltete Kreativität, Schöpferische Bürokratie — Zur Genealogie einer unwahrscheinlichen Konvergenz

Workshop am Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft / Institut für deutsche Literatur der LMU München

Samstag, 23. Juni2018 • Schellingstr. 3, RG Untergeschoß 104 C

Konzept Dr. Jan-Niklas Howe und Prof. Dr. Burkhardt Wolf

Verwaltete Kreativität am Beispiel des Writers‘ Room

In meinem Vortrag möchte ich die Ordnung schriftstellerischer Arbeit im Zeichen umfassender Kreativität am Beispiel des Writers‘ Room erläutern. Gerade ein Blick auf die Arbeitsweise und ‑Prozesse derjenigen AutorInnen, die Drehbücher und Plots für kommerziell erfolgreiche Serien schreiben, ermöglicht einen aussagekräftigen Einblick in eine Ordnungsweise kreativer Arbeit.

Dabei stellt mein Vortrag die These zur Diskussion, dass der Writers‘ Room im Guten wie im Schlechten einen Idealtyp kreativer (Arbeits-)Ordnung darstellt. Während Beobachter auf der einen Seite den Writers‘ Room als Qualitätsgarant für spannende Serienproduktion und aktive Nachwuchsförderung preisen, betonen kritischere Stimmen eine Arbeitsordnung, die durch eine Dynamik zwischen Kooperation und Konkurrenz bestimmt ist.

Ausgehend von den USA werden Serien heute in der Regel in einer Gruppe erarbeitet, die von einer hauptverantwortlichen Person angeleitet wird (meisten dem executive producer oder dem sogenannten show runner). Zentral für diese Teamarbeit ist die Institution des Writers‘ Room. Dieser ist heute nicht mehr aus den Show- und Fernsehbusiness der USA wegzudenken. Von dort kommend, ist seine Etablierung heute zunehmend auch im deutschsprachigen Film- und Fernsehmarkt zu beobachten [vgl. Gößler & Weiß 2014, 32f.]. Nahezu jede bekannte Serie, von The Sopranos, Breaking Bad, Homeland, The Big Bang Theory über Game of Thrones, House of Cards und zuletzt auch die positiv rezipierte deutsche Serie Bad Banks, wurde in einem Writers’ Room erarbeitet.

Ein Writer’s Room bezeichnet sowohl einen physischer Raum, in dem verschiedene Autoren zwecks Ideenfindung und Brainstorming zusammenfinden, als auch ein die schriftstellerische Arbeit strukturierendes Prinzip. Daniela Schütz bezeichnet den Writers’ Room als „kollektive Kreativwerkstatt“ [Schlütz 2012, 86]. Jeder am Schreibprozess beteiligte Autor hat ein eigenes Büro. Für wesentliche Arbeitsschritte kommen die Autoren und der Showrunner jedoch im tatsächlichen Writers‘ Room zusammen. Patricia Phalen und Julia Osellame beschreiben den Writers’ Room als „cultural space … where the collective activity of story creation takes place” [Phalen & Osellame 2012, 4]. Die kollaborative Teamarbeit in einem (z.B. mit Whiteboards und Location-Fotos dekorierten) Raum erhöht durch den konstanten Austausch die Qualität der Drehbücher. Sie beschleunigt und verstärkt kreative Prozesse, in dem die schriftsteller­­­ische Arbeit der Autoren als Gruppendynamik konzipiert wird. Ideen prallen auf Ideen und Meinungen ergänzen sich mit Einschätzungen, sodass Timo Gößler und Frank Weiß erklären, dass im Writers‘ Room „das kreative Herz der Serie“ schlägt [Gößler & Weiß 2014, 32].

Die Institution des Writers‘ Room beflügelt den kreativen Prozess, in dem er sich die Funktionsweisen eines kollektiven Austausches zu nutzen macht. Neben der positiven Emphase kreativer Produktion beschreiben Beobachter aber auch das hohe Stresslevel, das die sowohl räumliche als auch institutionelle Ordnung des Writers‘ Room mit sich bringt. Phalen und Osellame konstatieren gar eine Atmosphäre, die sie als „competitive-cooperative dynamic“ beschreiben. [Phalen & Osellame 2012, 17]. Die Arbeit der im Writers‘ Room schreibenden Autoren ähnelt somit weniger konventionellen Vorstellungen literarischer Produktion, als jenen Berufsprofilen der Kreativindustrie, die seit jeher in Großraumbüros oder Teams zusammenarbeiten (z.B. Werber, Texter, Architekten, Designer oder Redakteure).

Es scheint so, als ob sich Autoren, die für Film und Fernsehen arbeiten, mit den Anforderungen der Kreativindustrie arrangiert haben. Als Idealtyp kreativer Arbeit ermöglicht es die Institution des Writers‘ Room von einer höchst dynamischen und innovativen Gruppenarbeit zu profitieren. Gerade aber emphatische Beschreibungen des Writers‘ Room werfen Fragen nach den Schattenseiten einer verklärenden Darstellung aus, die die Realität eines erbarmungslosen und profitorientierten Medienmarkts sowie den Konkurrenzkampf um Anerkennung und Aufmerksamkeit ausspart. Als Beispiel einer solchen einseitigen Darstellung des Writers‘ Room kann die gleichnamige

TV Talk-Show The Writers‘ Room gelten. In dieser erstmals 2013 ausgestrahlten und von dem Produzenten und Schauspieler Jim Rash moderierten Serie berichten in jeder Folge erfolgreiche head writer und/oder show runner von ihren Erfahrungen im Schreib- und Arbeitsprozess der Serienproduktion. Allein die hierarchische Bezeichnung der einzelnen Autoren kann dabei als Indiz eines auf Konkurrenz getrimmten Medienmarkts gelten.

Vor diesem Hintergrund bietet mein Vortrag eine Einführung in die grundlegende Konzeption des Writers‘ Room und seiner die kreative Arbeit strukturierenden räumlichen und ideellen Ordnung. Darüber hinaus ließen sich an eine Darstellung des Writers‘ Room Fragen anschließen, die den Stellenwert der Kreativität in der heutigen Arbeitswelt thematisieren. Außerdem wäre ich daran interessiert, auf die sowohl habituellen als auch poetischen Unterschiede zwischen Literatur-Schriftstellern und jenen Autoren zu sprechen zu kommen, die im Zeichen der Kreativitätsindustrie an kommerziell erfolgreichen (und spannenden) Serien arbeiten.

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