Gedanken über die Münchner Kammerspiele ausgehend vom finalen Applaus der Intendanz Lilienthal

Vor einigen Tagen habe ich bereits ein kurzes Statement zur letzten Veranstaltung der Kammerspiele unter ihrem Intendanten Matthias Lilienthal verfasst.

Gestern ist der Bericht der Theaterkritikerin Christine Dössel über das Spektakel erschienen und ich möchte den Anlass nutzen, um noch ein paar Sätze über das Verhältnis von Theater und Öffentlichkeit zu schreiben. Der Artikel beginnt folgendermaßen: “Zum Schluss plätschert der Applaus von den Rängen und verläppert sich in der Weite des Areals. War es das?”

Die Macht des/der KritikerIn liegt nicht zuletzt in der Auswahl darüber, worüber er oder sie schreibt…

Man hätte auch über den Applaus nach den Reden des Kulturreferenten Anton Biebl und und Matthias Lilienthals (“Esst und trinkt!”) im Video schreiben können. Dieser ist frenetisch, euphorisch und verliert sich nicht als Sound von 400 ZuschauerInnen in einem Stadion, das für 68.000 ausgelegt ist. Danke an Marc Schmuck für das Video! Allein dieser kurze Vergleich (“verläppender” vs. “frenterischer” Applaus) zeigt wie unglücklich die Debatte um die Münchner Kammerspiele verlaufen ist und wie wenig Bereitschaft zu einem Dialog auf viel zu vielen Seiten vorhanden gewesen ist.

Der Lektor Florian Kessler hat auf Twitter vollkommen zu Recht moniert, dass es “groß” gewesen wäre, die nachdenklichen, vielleicht auch selbstkritischen Töne anzuschlagen. Aber nein, die Theaterkritik der Süddeutsche Zeitung erfreut sich weiter an einer rhetorischen Kampagne, der mindestens mit der Auszeichnung zum “Theater des Jahres” 2019 der Wind aus den Segeln genommen wurde. Das ist schade, weil das bloße Draufhauen die eigentliche Diskussion über größere künstlerische und institutionelle Transformationsprozesse verhindert und letztlich nichts als die Spaltung in “Qualität” und “Freie Szene”, “Schauspieler-” und “Performancetheater” sowie “dem Berliner Lilienthal” und “dem Münchener Theaterpublikum” übrigbleibt.

Diese Gegenüberstellungen sind aber nicht nur falsch, sie Reduzieren Komplexität und Raunen über Theater wie es manche Populisten über die Gesellschaft tun. Christine Dössel hat immer wieder einen reaktionären Impuls bedient, der zwar zahlende ZeitungsabonnentInnen bei der Stange hält, aber die tatsächliche künstlerische Formsprache sowie einschneidende Entwicklungen aus Gesellschaft und Wissenschaft vollkommen ausblendet. Wissenschaftler und junge, global denkende Theaterfans erreicht man so aber nicht (auch nicht als Abonnenten). Als ob Theater im Jahr 2020 immer noch so stattfindet wie in den 1980er Jahren und sich die gesamte Welt verändert nur nicht die Theaterkritik

Über dieses problematisches Verständnis der Theaterkritik und die Rolle der Süddeutschen Zeitung in der öffentlichen Debatte über die Kammerspiele habe ich im vergangen Jahr mit Prof. Dr. Christopher Balme der LMU Theaterwissenschaft einen Text geschrieben, der es wie folgt auf den Punkt bringt:

“Leider ist es der SZ nicht gelungen, ihre Autorinnen und Autoren zu ermutigen, das gewaltige Theaterprogramm der Kammerspiele in eine wirkmächtige Sprache der Kritik zu übersetzen.”

Im Gegenteil wird in dem Artikel zur Abschiedsveranstaltung mit dem Titel “Heißkalte Beziehung in mildem Licht” wieder das ganze Arsenal sprachlicher Beeinflussung und rhetorischer Überzeugungskraft ausgepackt. Es soll mit aller Kraft vermittelt werden, dass die Kammerspiele unter Lilienthal eben “keine Qualität” und Lilienthal an München kein Interesse hatte. Gerne könnte man ja auch über das Stück von Toshiki Okada streiten (Wann? Wie? Wo?) , das sicher nicht weltbewegend war. Ich komme aber bei den ganzen rhetorischen Volten, Behauptungen und Unterstellungen gar nicht zur eigentlichen Auseinandersetzungen und das ärgert mich am meisten. Es werden so über die einflussreiche Theaterkritik Scheindebatten vorgeführt, die ein Verständnis der tatsächlichen Fragestellungen, Probleme und Herausforderungen erschweren.

In den Folgenden Tagen habe ich auf Facebook ein paar Ergebnisse meiner immer noch unveröffentlichten Recherchen über das Verhältnis von Berichterstattung der Süddeutschen Zeitung und den Kammerspielen unter Lilienthal veröffentlicht, die ich hier auch gerne wiedergeben möchte.

Ich habe mir im Sommer 2018 die Mühe gemacht alle Theaterkritiken seit Bekanntgabe der Intendanz Lilienthal im September 2013 zu lesen. Alle Artikel (Feuilleton, Lokalteil, Kritiken, Interviews, Berichte, Leserbriefe etc.) habe ich nach sprachlichen Mustern und Verfahren geclustert. Die Ergebnisse habe ich auf einer Konferenz in London, vor dem Ensemble der Kammerspiele und im Kolloquium der LMU Theaterwissenschaft vorgestellt. Das Ergebnis war erschreckend und zeigt das Niveau auf dem leider über das spannende Theaterprojekt diskutiert wurde. Ewige Kontrastfolie der Kammerspiele unter Lilienthal ist die Konzeption des “Traumhauses” an der Maximiliansstraße als das Schönste, Beste und Tollste. Diese Figur nenne ich “Lobgesang”. In der Zusammenstellung über mehrere Jahre fallen die Artikel in sich zusammen und entblößen ihre Struktur der sprachlichen Suggestion, die ihre Wirkmacht an entscheidender Stelle leider über einer konservative Kulturpolitik entfaltet hat.

Der Lobgesang als prominente und wiederkehrende Sprechfigur in der Berichterstattung der SZ über die Kammerspiele.

Bei der Zusammenstellung der Zitate aus über 300 Zeitungsartikeln und Kritiken habe ich mich an den bekannten Textflächen der Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek orientiert. In meinem letzten Post habe ich die rhetorische Figur des “Lobgesangs” vorgestellt. “Die Münchner Kammerspiele sind ein geschichtsträchtiges Haus. Das beste und schönste der Republik. Ein Traumhaus für jeden Intendanten.“Der “Lobgesang” wird durch die Figur der “Kassandra” unterbrochen. Auf die Würdigung des Vergangenen oder Bestehenden folgt ein unmittelbares Bedrohungsszenario, das nicht weniger als den Untergang dieses “Schatzkästlein” an die Wand malt. Hier wird nicht nur Theater gespielt, nein, hier wird die Axt den Eichenstamm des ehrenvollen und ruhmreichen deutschen Sprechtheaters gelegt!

“THEATERVERNICHTUNG!!!!11111!!“Anders als in der Mythologie wurde den Kassandrarufen zum Untergang der selbsternannten Theaterhaupstadt allerdings allzu viel Gehör und Glauben geschenkt. Ach, hätte man die Mahner und Mahnerinnen doch in ihre Echokammer raunen lassen und wäre cool und ruhig geblieben. Hätte man sich an Fakten orientiert.Die Verunsicherung, auf deren Klaviatur die Theaterkritik der Süddeutschen Zeitung meisterhaft gespielt hat, steht somit mit umfassenden Transformationsprozessen der westlichen Gegenwartsgesellschaften in Zusammenhang, deren Aushandlung insbesondere im Kulturbereich zu beobachten ist. Oder um die SZ zu zitieren: “Hier steht das deutsche Ensemble und Repertoiretheater als kulturelle Errungenschaft auf dem Spiel.”

Das Motiv der Kassandra-Unkenrufe: Die Münchner Theatervernichtung.

Die Berichterstattung über die Intendanz von Matthias Lilienthal war von dem Versuch gekennzeichnet, Lilienthal als Person und sein Theater als Kunst herabzusetzen. Das ist die Funktion, die eine Schmährede erfüllt. Sie ist das Gegenteil des Lobgesangs.

In der Schmährede ist sich die Theaterkritik ihrer Stärke bewusst. Sie richtet. In der Erniedrigung des Opfers tritt die eigene Überlegenheit hervor. Darüber hinaus ist die Herabsetzung des Anderen als minderwertig eine ’solidarische Tat’ einer Gemeinschaft, die ihre moralische Empörung als objektive Wahrheit versteht. Die Ironie der Geschichte ist, dass sich eine solche Gemeinschaft der Ablehnenden erst durch die über Jahre öffentlich geäußerte Schmährede überhaupt als Gemeinschaft zusammenfinden konnte.

In der performativen Zusammenstellung werden wiederkehrende Sprachmuster sichtbar.
Die Schmähende hat die Erniedrigung des Gegenstands zum Zweck.

Eine gute vorläufige Zusammenfassung bietet meiner Meinung nach Anne Fritsch in einem Beitrag der lesenswerten Kulturzeitschrift 54books. Ihr nüchternes Fazit:

“Lilienthal konfrontierte die Stadt und das Theater sehr schnell mit radikalen strukturellen Änderungen. Vor allem tat er das in einer Zeit, die ungeduldiger geworden war.”

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