Erste Digitale Schriftenreihe Cultural Policy Lab

Die Schriftenreihe Staging the Lab bildet die Auftaktpublikation der Reflexions- und Publikationsplattform Cultural Policy Lab. Ausgehend von meinem Promotionsprojekt zur Poetik der Urteilskraft im globalen Kunstmarkt der Gegenwart habe ich mich mit der Analyse kultureller Krisenphänomene am Beispiel der Münchner Kammerspiele oder dem Haus der Kunst auseinandergesetzt. Bei diesen Recherchen war die Bedeutung kulturpolitischer Fragestellungen immanent, gleichzeitig offenbarte sich die Notwendigkeit, aktuelle Forschungsperspektiven über ästhetische und gesellschaftliche Transformationsprozesse in den kulturpolitischen Prozess zurückzubinden.

Der vorliegende Text ist ein Auszug aus der gemeinsam mit Christina Kockerd und Johanna Vocht verfassten Einleitung der ersten digitalen Schriftenreihe. 

Bei der Realisierung der nun digital vorliegenden ersten Schriftenreihe des Cultural Policy Labs wurde ich von Johanna Vocht und Christina Kockerd unterstützt. Johanna Vocht ist promovierte Literaturwissenschaftlerin, arbeitet im Wissenschaftsmanagement und engagiert sich für Gendergerechtigkeit im Kulturbetrieb. Im Februar 2020 sprach sie auf der Veranstaltung Cultural Policy Lab in den Münchner Kammerspielen über das Thema „Wie wollen wir arbeiten? Institutionelle Machträume aus gendersensibler Perspektive“ und entwickelt seit diesem Zeitpunkt den Launch der Publikationsplattform mit. Christina Kockerd nahm im Wintersemester 2019/2020 als Studentin am Forschungsseminar Institutionelle Ästhetik teil, aus dem das Cultural Policy Lab hervorgeht. Nach Abschluss ihres Studiums stieß sie im Herbst 2020 zum Herausgeber:innenteam. Sie forscht aktuell zu den Konzepten Inklusion und Diversität im Theater bzw. im Kulturbereich.

Die erste Schriftenreihe des Cultural Policy Labs mit dem Titel Staging the Lab ist in drei Kapitel untergliedert, die jeweils durch eine eigene Einleitung eröffnet werden. Der erste Teil der Schriftenreihe Das Cultural Policy Lab in den Münchner Kammerspielen beschreibt die Genese der Pilotveranstaltung in den Münchner Kammerspielen am Vorabend der Kommunalwahlen im Februar 2020 und resümiert damit den ersten Austausch zwischen Kulturtheoretiker:innen und ‑praktiker:innen. Im zweiten Kapitel Screening the Field: Akteur:innen der Stadtkultur in Theorie und Praxis werden anhand von Gastbeiträgen experimentelle, innovative Formen der Kulturvermittlung vorgestellt. Gezeigt werden Beispiele kommunaler Kulturarbeit, exemplarisch ergänzt durch entsprechende Initiativen aus anderen Bundesländern. Das dritte Kapitel Expanding Perspectives – Im Austausch mit Akteur:innen der Kulturpolitik widmet sich dem Dialog mit einzelnen Akteur:innen aus Kulturpolitik und ‑vermittlung. Im Mittelpunkt der drei von Christian Steinau und Christina Kockerd geführten Interviews steht der Zugang zur Kultur, konkret die Bedingungen der Kunstproduktion sowie deren Förderung.

Aufbau der Schriftenreihe

Mit dem Cultural Policy Lab wird eine Plattform geschaffen, deren dynamischer Charakter durch ein konzeptionelles Design unterstrichen wird: Aus einem Rastersystem auf Grundlage der Farbcodes der Olympischen Spiele 1972 in München von Otl Aicher entwickelte das Karlsruher Designbüro lob.tf die Idee eines Rastersystems, das sich bei der Veranstaltung skizzenhaft innerhalb eines Zauberwürfels manifestierte. Für den Web-Auftritt der Forschungsplattform wird das Rastersystem in seiner Farbgebung weitergeführt. Die formale Konzeption des partizipativen Lab-Charakters reflektiert damit die Intention der Veranstalter:innen des Pilotprojekts in den Kammerspielen, aber auch die der Herausgeber:innen dieser Schriftenreihe, den akademischen Diskurs zu öffnen und die Stadtgesellschaft und zivilgesellschaftliche Akteur:innen stärker in kulturpolitische Denk- und Versuchsprozesse einzubinden.

Universitäre Forschung trifft auf kulturpolitischen Kontext

Die Entwicklung des Labs verfolgt das Ziel, verlässliche Partnerschaften mit Kulturorganisationen, Kulturpolitik und ‑verwaltung sowie einzelnen Akteur:innen aufzubauen. Dies impliziert die Ausweitung der an wissenschaftlicher Aufarbeitung von Cultural Policy interessierten Scientific Community über universitäre Kontexte hinaus. Einfacher gesagt, wollen wir die Erforschung von Cultural Policy mit einem auf Austausch und Dialog fokussierten Community Aspekt verbinden, der uns erlaubt, Forschungsergebnisse und Herausforderungen weit über den eigentlichen wissenschaftlichen Horizont hinaus zu kommunizieren und erfolgversprechende Kooperationen einzugehen. Es hat sich herausgestellt, dass wir auf wissenschaftlicher Seite viel von diesem Perspektivwechsel lernen können und Forschungsfragen zum beidseitigen Nutzen von Theorie und Praxis schärfen und ausarbeiten können.

Ziel des Labs ist es, den großen Herausforderungen, vor denen die Geisteswissenschaften aktuell stehen, durch kooperative Ansätze, Wissenstransfer und den aktiven Austausch mit Praktiker:innen aus dem Kulturbereich wirksam zu begegnen. Neben umfassenden Transformationsprozessen im Feld der Künste, die auf inhaltlicher Ebene zu einer verstärkten Methodenpluralität führen und in neue Forschungsfragen sowie eine (Neu-)Bewertung kanonischer Wissensbestände münden, sehen wir auch die strukturelle Organisation geisteswissenschaftlichen Arbeitens in Forschung und Lehre neuen Anforderungen ausgesetzt. Auf hochschulpolitischer Ebene ist in Bayern eine Neuausrichtung staatlicher Hochschulförderung und ‑organisation zu erwarten, die die Prämissen des unternehmerischen Handelns, der Wissenschaftskommunikation, des Forschungstransfers und der Employability der Studierenden fokussiert. Vor diesem Hintergrund soll im Lab experimentiert und eine erfolgreiche wissenschaftliche Arbeit unter veränderten gesellschaftlichen und politischen Bedingungen gefunden werden. Diese Entwicklung deckt sich mit dem Bestreben der Wissenschaftler:innen, die am Cultural Policy Lab-Projekt beteiligt sind: Ausgehend von wissenschaftlichem Erkenntnisinteresse sollen anwendungsbezogene Forschungsfragen fokussiert und dadurch Synergieeffekte zwischen öffentlicher Förderung, Verwaltung und der Analyse von Kunst und Kultur hergestellt werden. Durch die Fokussierung auf Cultural Policy soll ein Impuls zur Belebung der kulturpolitischen Debatte geleistet werden. Zwar wurde das Cultural Policy Lab als genuin universitäres Forschungsprojekt entwickelt, den gesellschaftlichen Impetus dafür bildete jedoch ein unübersichtliches kulturpolitisches Feld, in dem seit einigen Jahren etablierte kulturpolitische Leitbilder zur Disposition stehen und die Transformation des krisenanfälligen Kulturbetriebs zu beobachten ist.

2015 etwa setzte sich der Deutsche Städtetag in einem kulturpolitischen Positionspapier mit den durch Migration, Digitalisierung und Ökonomisierung veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Kulturpolitik auseinander. In einer Präambel dieses Papiers heißt es: „Gesellschaftliche Veränderungen führen zum Überdenken der traditionellen kulturpolitischen Begründungsmuster und Strategien.“ Die in diesem Zitat ausgedrückten Veränderungen traditioneller kulturpolitischer Begründungsmuster unter dem Stichwort gesellschaftlicher Veränderungen eröffnen eine Vielzahl von Forschungsperspektiven, an die das Cultural Policy Lab mit der ersten Schriftenreihe Staging the Lab anschließt. Dabei stellt insbesondere der Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung einen bis heute stark vernachlässigten Punkt da, der mehr und mehr an Bedeutung gewinnt. Policy im Sinne des Cultural Policy Labs versteht sich auf Ebene der institutionellen Grundlagen der Kultur- und Kreativwirtschaft als konkrete Ausbuchstabierung der Legitimation stiftenden und (de-)stabilisierenden Normen und Regeln.

Mehr zur ersten Schriftenreihe “Staging the Lab” gibt es hier!

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