Begriffsdebatte: Warum ich “Kreativität” und “Innovation” für problematische Begriffe in der Debatte um neue kulturpolitische Leitbilder halte

Mit einem spannenden Text in der neuen Ausgabe der Kulturpolitischen Mitteilungen (Nr. 168, H.1/2020) initiiert Dr. Henning Mohr eine Debatte über ein “neues kulturpolitisches Mindset” und neue gesellschaftspolitische Leitbilder der Kulturpolitik (Link zum Text.)

Henning Mohr ist seit Anfang des Jahres neuer Leiter des Instituts für Kulturpolitik der Kulturpolitischen Gesellschaft (Link zur PM vom 13.01.20). Mit der Neuberufung Henning Mohrs verbinde ich große Hoffnung auf einen Generations- und Mentalitätswandel in der bundesdeutschen Kulturpolitik. In diesem Blogbeitrag versuche ich auf Mohrs Beitrag mit dem Titel ” In der Zukunftsgefährdungshaltung. Überlegungen zur Notwendigkeit einer innovationsorientierten Kulturpolitik” zu reagieren. Der Beitrag geht auf eine Diskussion zurück, die wir auf Twitter geführt haben.

Ich versuche zu argumentieren, warum ich in dieser Debatte ‘vorsichtig’ mit Begriffen wie “Kreativität” und “Innovation” umzugehen vorschlage. Die Replik geht auf die Forschungsfragen der Nachwuchsforschungsgruppe “Kreativität und Genie” zurück, in deren Rahmen ich seit Oktober 2017 an der LMU München beschäftigt bin und an meiner literaturwissenschaftlichen Promotion arbeite. Hier finden sich weitere Informationen:

Es scheint mit klar, dass das von einer normativen Kulturpolitik angestrebte Ziel der Emanzipation aktualisiert werden muss. Zu diesem Zweck lohnt es sich etwas aufzuholen und an die anspruchsvolle Reflexivität früherer kulturpolitischer Begründungsstrategien anzuknüpfen. In seinem Impuls zu einer „innovationsorientierten Kulturpolitik“ weist Henning Mohr auf die „Zementierung des Status Quo“ durch “fehlende Flexibilität”, “bürokratischen Verflechtungen” und “hierarchische Machtgefälle“ hin. In Konsequenz, so das Argument, riskiert der (traditionelle) Kulturbetrieb seine Zukunftsfähigkeit, er „verspielt zunehmend seine Relevanz“, eine „inhaltliche (Neu-)Ausrichtungen an den Bedürfnissen des Publikums“ findet nicht statt. An der Aussagekraft dieser Feststellung habe ich keinen Zweifel.

Und auch wenn die jüngere Geschichte der Kulturpolitik bis zur ausführlichen Beschreibung des gegenwärtigen Zustands noch aussteht, scheint jetzt ein Moment gekommen über Wege in die Zukunft nachzudenken. Zur „Steigerung der Innovationsfähigkeit“ identifiziert Henning Mohr die Kategorien #Agilität, #Digitalität und #Diversität. Diese können nicht durch befristete Projektmittel implementiert werden, sondern erfordern einen ‚Mentalitätswandel‘. Mohr entwickelt die Forderung nach ‘Innovationsorientierung’ ausgehend von einem Widerspruch: Denn obwohl das Feld der Kultur ein “Idealtyp für Kreativität” darstellt, „scheint eine nachhaltige Anpassung der (Organisations-)Strukturen nach wie vor schwer bis unmöglich“. In anderen Worten: Obwohl „Kreativität“ eigentlich ein zentraler Gegenstand von Kunst und Kultur ist, ist auf struktureller Ebene tote Hose.

Der Forderung nach einem Mentalitätswandel und neuen kulturpolitischen Leitbildern stimme ich absolut zu. Gleichzeitig bin ich davon überzeugt, dass ein neues „Mindset“ den umfassenden Verwerfungen des globalen Kapitalismus Rechnung tragen muss. Derart kann es nicht nur darum gehen Transformationen auf der organisatorischen und strukturellen Ebene anzugehen, vielmehr muss auf der normativ-ideellen Ebene der Institution Kulturpolitik selbst an einer nachhaltigen Veränderung gearbeitet werden. Der von Henning Mohr geforderte gesellschaftspolitische Anspruch der Kulturpolitik kann meiner Meinung durch einen Bruch mit der massiven Unterordnung aller Lebensbereiche unter die Logik des Marktes zum Ausdruck gebracht werden.

Es gilt dazu ein aktualisiertes Emanzipationsversprechen ästhetischer und kultureller Bildung zu denken. Die von mir als problematisch bezeichneten Begriffe Innovation und Kreativität können als Türöffner für diese notwendige Debatte dienen, sie besitzen allein aber nicht das Potential das mit der normativen kulturpolitischen Theoriebildung verbundene Emanzipationsversprechen auszufüllen ohne das aber ein „neues kulturpolitisches Mindset“ unvollständig bleibt. Im Gegenteil sind die genannten Begriffe mit Zuschreibungen von Problemfeldern verbunden, die ich im Folgenden noch kurz ausführen möchte.

In den Geisteswissenschaften ist die hier aufgerufene Verbindung von Kreativität und Kunst/Kultur eine offene Baustelle. Vor diesem Hintergrund denke ich, dass die kulturpolitischen Theoriebildung Entwicklungen der Geisteswissenschaften Rechnung tragen sollte. Der emanzipatorische Auftrag der Kulturpolitik stellt sich heute mit unveränderter Stärke. Wenn die Förderung von Kunst und Kultur den Zweck gesellschaftlicher und politischer Selbstbefreiung anstrebt, müssen die Fesseln der Tradition, gesellschaftlicher Normen und vorgegebener Weltanschauungen identifiziert und überwunden werden. Im gegenwärtigen Zustand einer oberflächlich betrachtet größtmöglichen Freiheit gibt es neben der Emanzipation von Geschlecht, Herkunft und Klasse eine weitere ideell-normative Beschränkung individueller Freiheit, die mit der gesellschaftlichen Realität der grenzenlosen Kommerzialisierung aller Lebensreiche in Zusammenhang steht. Dies gilt zweifelsohne auch für Kunst und Kultur. Im „Postskriptum über die Kontrollgesellschaft“ schreibt Deleuze: „Sogar die Kunst hat die geschlossenen Milieus verlassen und tritt in die offenen Kreisläufe der Bank ein.“ Deswegen ist es notwendig, dass ein „neues kulturpolitisches Mindset“ auch kritisch gegen sich selbst und die verwendeten Begriffe ist.

Denn jene Macht, zu deren Überwindung eine zukünftige Kulturpolitik auch Aneize setzen muss, wirkt nicht mehr ‚nur‘ repressiv-disziplinarisch wie es früher in Militär, Fabrik, Gefängnis oder Schule der Fall war. Die gesellschaftlich-ökonomische Norm von der sich zu emanzipieren angestrebt wird, wirkt produktiv und stellt ein positives Verhältnis zu unser aller Leben her. Eine progressive Kulturpolitik muss deswegen einen Freiheitsbegriff entwickeln, der sich der Ausübung von Kontrolle inenrhalb dezentraler Netzwerke bewusstist. Über das „Ästhetische“ sind die Bereiche von Kunst und Kultur hier mitnichten ausgenommen. Um diese theoretische Herausforderung anzugehen, sehe ich in der jüngeren Gesellschaftstheorie mindestens zwei Entwicklungsstränge, die in Hinblick auf die Begriffe Innovation und Kreativität in der Post-Corona-Zeit berücksichtig werden müssten. Diese beruhen auf verschiedenen theoretischen Annahmen und überschneiden sich teilweise. Dies ist zum einen die Idee, dass moderne Formen der Machtausübung nicht von Institutionen ausgehen, sondern durch das Leben selbst wirken.

Foucualt hat diese Form der durch/auf den Körper wirkenden Macht „Bio-Macht“ und ihre Handlungsformen „Bio-Politik“ genannt. So abstrakt dieser Diskurs für die Kulturpolitik klingt, geht es darum, zu verstehen wie sich die Wirkungsweise sozialer Kräfte verändert. Die Theorie besagt schlicht, dass Macht nicht mehr durch repressive Strukturen oder autoritäre Anrufung ausgeübt wird, sondern mittels verinnerlichter Begriffe/Konzepte. An dieser Stelle verbindet sich die Theorie der „Bio-Politik“ mit jenen Untersuchungen rund um immaterielle Formen der Arbeit sowie die ‚Komplizenschaft‘ von ästhetischen Phänomenen mit unternehmerischen Legitimationsstrategien. Bis heute gibt es eine Vielzahl von kulturtheoretischen Konzeptionen, die die Verbindung von ästhetischen Praktiken und Präferenzen auf nichtästhetische Lebensbereiche wie z.B. die Ökonomie interpretieren. Zu diesen zählen z.B. „ästhetisches Regime“, „Herrschaft des Ästhetischen“, „ästhetischer Kapitalismus“ und „Kreativitätsdispositiv“. Den Konzeptionen ist gemein, dass sie versuchen einen Namen für eine neue Form kapitalistischer Produktion zu finden, die mittels verinnerlichter Begriffe von Produktivität, Kreativität, Authentizität und individueller Freiheit soziale Beziehungen herstellt und letztendlich (hier liegt die Verbindung zur Bio-Politik) Macht über die Individuen ausübt. Die Soziologen Boltanski/Chiapello haben in ihrer Studie „Der neue Geist des Kapitalismus“ (1999) darauf hingewiesen, dass dieser neue Rechtfertigungsrahmen mit einer ‚neuen‘ Semantik verbunden ist. Anhand einer Text- und Inhaltsanalyse von Managementliteratur (allgemeine Darstellungen, Handbücher, Ratgeber, Anleitungen usw.) seit den 1960er, insbesondere aber den 1990er Jahren zeigen die Autoren auf, wie sich der normative kapitalistische Rahmen verändert hat. Die Konsequenzen sind hochpolitisch, da Managementpraktiken Lebensbedingungen determinieren und regulieren.

In Konsequenz gilt dies auch für die kulturpolitische Theoriebildung, deren Resemantierung im Text von Henning Mohr dokumentiert ist. Ohne die Intention oder das Ziel des Textes in Abrede zu stellen, sehe ich jedoch die Gefahr, die skizzierte Theoriebildung zu ignorieren und kurzerhand den politischen Konzepten des Third Way oder der Marktsozialdemokratie Vorschub zu leisten. Dabei könnte es vor dem Hintergrund wachsender Ungleichheit, der Klimakrise und des aktuell in der Corona-Krise unmittelbar vorgeführten Marktversagens darum gehen, Akzente für ein mit Kunst und Kultur verbundenes belastbares und zukunftsoffenes Emanzipationsversprechen zu setzen. Denn um es noch einmal zu wiederholen: In den neuen Konzeptionen kapitalistischer Produktion (und Subjektkonstitution) entblößt sich das oberflächliche Freiheitsversprechen in Teilen als Chimäre, das Züge der Unterwerfung zeigt. Das spezifisch ‚Neue‘ liegt neben der Ausblendung von Umweltzerstörung und Ausbeutung vor allem in der massiven und systematischen Einbindung von genuin nichtökonomischen Ressourcen des individuellen Lebens in den Produktionsprozess wie z.B. Affektlogiken oder der eigenen Persönlichkeit. Kontrolle wird dadurch ausgeübt, dass man effizient, innovativ und kreativ sein möchte, es gleichzeitig aber auch sein muss. Die ethische Identifikation mit den Zielen der Arbeit verbindet das Leben mit normativen-ökonomischen Formen der Machtausübung, die dem gegenwärtigen globalen Kapitalismus erst so dynamisch, anziehend und erfolgreich machen. Man ist bereitwillig bereit, Ressource und Netzwerke zu diesem Zweck einzuspannen. Die „idealtypischen“ Bestandteile der Kreativität im Feld der Kultur mit ihren Imperativen der Kreativität, des Regelbruchs, der Spontanität, Authentizität und Persönlichkeitsentwicklung werden so mit neuen Formen der Macht verwickelt, sie verlieren ihren Bezug zum Versprechen ästhetischer und durch Bildung gewährleisteten Freiheit, weswegen sie heute anders gedacht werden müssen. Dies bedeutet auch, dass unsere Vorstellung von Kunst, Kunstproduktion und letztlich auch institutioneller Veränderung („Innovation“) im Kulturbetrieb in der Post-Corona-Zeit überdacht und geschärft werden müssen.

Vor dem Hintergrund der mit den Begriffen „Kreativität“ und „Innovation“ verbunden (normativen) Schwierigkeiten, finde ich es zur Zukunftssicherung des Kulturbetriebs (analytisch) praktikabler ein kulturpolitisches Verständnis eines Konzepts von „Institutionellen Wandels“ zu entwickeln, d.h. verstehen zu lernen, was die Spielregeln des Betriebs sind und wie sie sich verändern. Eine solche Theorie des Institutionellen Wandels ist sowohl auf normativer, aber auch organisatorisch-struktureller Ebene in der Lage Veränderungen zu beschreiben und ermöglicht es auf voraussetzungsreiche Begriffe wie Kreativität und Innovation zu verzichten.

An einer solchen Theorie des “Instituionellen Wandels” haben wir u.a. in dem Forschungsseminar “Instituonelle Ästhetik” im Wintersemester 2019/20 gearbeitet.

Die Auseinandersetzung mit Phänomenen des “Institutionellen Wandels” stand auch im Vordergrund meiner Arbeit über die Münchner Kammerspiele, das Haus der Kunst, aber auch bei der Konzeption des Cultural Policy Labs.

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