Ästhetische und institutionelle Verschiebungen der Gegenwartsliteratur

Workshop: Hors livre

Ästhetische und institutionelle Verschiebungen der Gegenwartsliteratur

02. Juli 2018

Ein Thema über das ich schon lange nachdenke, ist die „Littératures hors Livre“. Die Frage nach dem „Buch-außerhalb“ oder dem „Außerhalb des Buches“ zu stellen, bedeutet die Bedingungen und Möglichkeiten einer Literatur zu befragen, die die ‘Grenzen’ des Buches hinter sich lässt und neue Bündnisse mit anderen Künsten, z.B. der Musik, der Performance oder der Bildenden Kunst eingeht.

Die Frage nach dem „Außerhalb des Buches“ ist zugleich eine gesellschaftliche und eine poetische. Sie ist gesellschaftlich, weil in der Frage nach dem „hors livre“ die veränderten Anforderungen angesprochen werden, denen AutorInnen zunehmen ausgesetzt sind. Literarische Produktion heute befindet sich in einem Zustand permanenter Ausstellung. Dieser historischen Situation tragen die Konjunktur von Lesungen, die Notwendigkeit von Social-Media-Auftritten und das Aufkommen von Video-Trailern zu einzelnen Büchern Rechnung. Es gibt einen ökonomischen Druck, diese Realität jenseits des Buches anzuerkennen und sich zu ihr zu verhalten.

Zumeist wird das „Außerhalb des Buches“ als leidliches Übel eines kommerziellen Buchmarkts bezeichnet. Gerade aber die sich verändernden Anforderungen ermöglichen auch neue Produktions- und Arbeitsweisen, die diesen Zustand der Transgression dokumentieren. 

Denken wir an die Arbeiten Sophie Calles, die Dichterin Caroline Bergvall, Orhan Pamuks „Museum of Innocence“, Michel Houellebecqs Ausstellung im Palais de Tokyo, Marcel Beyers Ausstellung zur Sprache im HKW, das Kollektiv Nazis & Goldmund oder den Gründungsdirektor und Künstlerischen Leiter der Burg Hülshoff Jörg Albrecht.

Es gibt eine Neugier von AutorInnen, den Raum jenseits des Buches zu erkunden. Das Buch ‘zu verlassen’ steht derart für einen Zustand, in dem neue Bündnisse eingegangen und mit den Produktionsweisen der Literatur experimentiert wird. Von der „Littératures hors Livre“ zu sprechen, bedeutet diese aktive Auseinandersetzung mit dem gegenwärtigen Zustand literarischer Produktion in den Blick zu nehmen, vor allem aber optimistisch auf neue Produktionsformen und neue Konstellationen zwischen den Künsten zu reagieren. 

Die Frage nach dem „Außerhalb des Buches“ richtet sich nicht gegen das Buch als solches. Vom Buch ‘weg’ bedeutet nicht gegen das Buch und auch nicht weniger Buch. „Hors livre“ bedeutet Beschleunigung und Zirkulation von Texten, Dynamik, Hybridität und Medialität.

Die „Littératures hors Livre“ zeichnen neue Wege durch den Kanon, fokussieren die wechselseitige Erhellung der Künste, aktualisieren die unterschiedlichsten Poetiken und Strategien der Avant-Garden und reagieren auf die mediale Lebensrealität unserer Zeit. Vor diesem Hintergrund ist Literatur kein musealer, bildungsbürgerlicher oder durch akademische Normen determinierter Gegenstand – im Gegenteil wird das Experiment, der Prozess und die Aktion zugunsten einer zukünftigen Entwicklung und einer aktiven Gestaltung gegenwärtiger Zustände betont.

Die „Littératures hors Livre“ erobert und erprobte neue Orten und besitzt das Potential, Institutionen (z.B. Literaturhäuser, die sich in einem Dornröschen-Schlaf befinden) zu verändern. Ihre Realität ist medial, ihr Zustand hybrid und ihre Möglichkeiten sind unbegrenzt. Gerade ästhetisch kann sie eine entscheidende Entwicklung bedeuten.

Gibt es eine Literatur außerhalb des Buches? Wie funktioniert Literatur und welche Vorstellung von Literatur haben wir, wenn diese wie antike Epen oder Sokratische Dialoge performativ vorgetragen und inszeniert wird?

Für den deutschsprachigen Raum konstatieren Lena Vöcklinghaus und Andreas Bülhoff eine wachsende Ausdifferenzierung und Verbreitung von innovativen Lesungsformaten, die sie noch provisorisch mit dem Begriff der Text-Performance bezeichnen. Sie stellen fest, dass neben den etablierten Formaten der „Wasserglaslesung“ und des Poetry Slams Formate entstanden sind, die Lesungen als „eigenständige Form“ ernst nehmen und literarische Texte im Grenzbereich zu anderen Kunstformen (wie Performance, Musik, Spoken Word usw.) inszenieren.

Text-basierte oder narrative Ausstellungsformate prägen die Kulturmetropolen dieser Welt ebenso wie experimentelle Sound- und Multi-Media-Performances. Vor diesem Hintergrund bedient sich die französische Literaturwissenschaft des Konzepts der Littératures hors livre, um eben solche literarischen Phänomene zu untersuchen, die an die Avant-Garden des 20. Jahrhunderts (Dada, Surrealismus) anknüpfen und die Gegenwartsliteratur um ‘Literaturen’ bereichern, die sowohl ästhetische als auch institutionelle Grenzverschiebungen vollziehen.

Der Workshop setzt das in Frankreich etablierte Format der Littératures hors livre mit dem Konzept der Text-Performance in Verbindung; er bildet den Auftakt zu einem sowohl Länder- als auch Fachgrenzen überschreitenden Austausch. Im Rahmen des Workshops werden das gegenwärtige literarische Feld, (literatur-)wissenschaftliche Methoden zur Untersuchung desselben sowie Theorieansätze zwischen Literatur‑, Theaterwissenschaft und Performance-Studies erörtert. Neben einer Einführung in die Phänomene und Merkmale der Littératures hors livre und der Text- Performance werden Ansätze vorgestellt, die eine Historisierung derselben ermöglichen.

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